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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : LDPush 350km Elberadweg



Plumtree
04.09.2015, 20:12
Liebe Freunde der langen Distanzen und jene, die gerne lange Texte lesen,


Mitte August waren Nick und ich auf dem Elberadweg unterwegs, genauer gesagt auf der Strecke zwischen Hamburg und Magdeburg. Mit viel Regen und unvorhersehbarem Bodenbelag schafften wir 350km in fünf ein halb Tagen mit 10 bis 13kg auf den Schultern.


Unser Video zur Strecke: https://www.youtube.com/watch?v=Lzr7SJfaBdA



Sieben kurze Infos zum Elberadweg in diesem Bereich: Die Strecke ist bis auf wenige Ausnahmen (unten beschrieben) gut zu rollen, allerdings sollte man nicht mit Flämingskate-Erwartungen und zu kleinen Rollen starten. Landschaftlich ist sie wohl nicht das Abwechslungsreichste was man sich antun kann, aber wenn man wie ich noch nie einen Deich gesehen hat doch recht spannend (denn geschätzte 30% führen am oder auf dem Deich entlang). Es gibt sehr viele preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten an oder in der Nähe der Strecke (zweimal wurden uns sogar ungefragt Übernachtungen im privaten Garten angeboten) und uns ist kein einziger rücksichtsloser Radfahrer begegnet. Man sollte sich allerdings unbedingt vorher informieren, ob zum Reisezeitpunkt die benötigten Fähren fahren (kosten zwischen 1€ bis 1,50€ pro Überfahrt). Außerdem wurde uns öfter gesagt, dass es sinnvoll ist im nordwestlichen Teil des Elberadwegs elbaufwärts zu fahren, da man sonst mit starkem Gegenwind rechnen muss. Die offizielle Website bietet neben einem nahezu kostenlosen Wegplaner (enthält Kartenabschnitte, Unterkünfte, etc.) GPX-Daten für die gesamte Strecke an beiden Ufern zum Download an.



Das wichtigste neben all der Planung und dem Equipment ist aber wohl der Partner, mit dem man zusammen reisen will. Nick und ich hatten einige Schwierigkeiten, weil wir uns nicht gut kannten und einen sehr unterschiedlichen Rhythmus beim pushen haben. Trotzdem konnten wir uns gegenseitig aus kleineren und größeren Motivationstiefs holen und die Strecke erfolgreich beenden.


Bei Fragen fragen, ansonsten freu ich mich über konstruktive Kritik (insbesondere zum Video, weil es mein erstes veröffentlichtes ist).




Samstag, 15. August
Hamburg - Stove (Drage) 40km
Um 13 Uhr komme ich mit meinem Fernbus am Hamburger ZOB an und treffe dort Nick, der mir voller Stolz sein neues 1166 GBomb zeigt. Es regnet, wie immer wenn ich in Hamburg bin (siehe Greenskate). Wir starten in Richtung Magdeburg. Der kurze Sandweg durch den Entenwerder Park bleibt die einzige unrollbare Strecke an diesem ersten Tag. Auf ihm finden wir laut GPS auch unseren Einstieg auf den Elberadweg. Mit dem Wetter bessert sich auch der Belag unter unseren Rollen. In Richtung Tatenberg fahren wir auf größtenteils sehr gutem Asphalt mit einigen gleichmäßig gepflasterten Abschnitten an mehreren schräg am Deich stehenden Schafen vorbei, die uns kritisch beäugen. Um Fünfthausen herum folgt ein zweispuriger Feldweg aus schmalen Betonplattenwegen. Was von weitem erst schrecklich aussieht, stellt sich als ein sehr gut zu berollender Untergrund heraus, da die Platten glatt und die Fugen sehr schmal sind. Zum Pumpen ist allerdings kaum genug Platz. Wie sich jedoch herausstellt, nimmt Nick sein Gbomb bisher ohnehin ausschließlich zum Pushen. Mit 12 Kilo auf den Schultern lässt sich das auf die Schnelle wohl auch schwer lernen. In Zollenspieker nutzen wir den neu und scheinbar zu groß gebauten Supermarkt für eine letzte Stärkung, bevor es auf die Fähre geht. Dort angekommen erwartet uns ein Starkregen. Auf der anderen Seite geht es ab Hoopte zunächst auf der Elbuferstraße weiter, auf der man durch Pfeiler und Trennlinien von den Autos separiert fahren kann. Es folgt ein längeres Stück Radweg direkt am Deich. Von diesem manchmal etwas rauen, jedoch gut rollbaren Weg, haben wir in den kommenden Tagen noch viel vor uns. Erschöpft vom ersten Tag mit Rucksack und mit inzwischen getrockneter Schlammpackung erreichen wir unseren Campingplatz in Stove (Campingland an der Elbe), wo jeder von uns 11€ für eine Übernachtung mit Zelt und schöne moderne Duschen bezahlt.


Sonntag, 16. August
Stove (Drage) - Dannenberg 80km (9km davon per Taxi)
Diese Nacht hat es durchgeregnet. Als der Regen erst gegen halb acht eine Pause einlegt, nutzen wir diese, um schnell zusammenzupacken. Was nicht durch diese Nacht nass geworden ist, ist es noch von gestern. Mit nassen, sandigen Socken zurück in die nassen, sandigen Schuhe - das ist ein Spaß. Durch Zeltplatzbekanntschaften haben wir zwei wichtige Dinge erfahren: 1. Es sei sehr sinnvoll, wie wir von Norden aus elbaufwärts zu fahren, da man andersherum mit starkem Gegenwind rechnen müsse. 2. Wir sollen bis Hohnstorf auf jeden Fall auf dieser Seite der Elbe bleiben, da uns am anderen Ufer Sand- und Waldwege erwarte würden. Immer am Deich entlang geht es über einen schönen Mix aus Asphalt und breiten Plattenwegen mit kaum zu spürenden Fugen Richtung Bleckede. Danach geht auf mal besserem, mal schlechterem Untergrund (jedoch durchweg fahrbar) weiter bis zur Fähre in Neu Darchau, wo wir eigentlich die Fähre zum weiteren Verlauf des Elberadweg Richtung Hitzacker nehmen wollen. Doch hier beginnt das Schlamassel: Aufgrund des niedrigen Wasserstandes der Elbe fährt die Fähre nicht mehr. Uns bleibt also keine andere Wahl, als weiterhin auf dieser Seite bis zum Campingplatz in Dannenberg zu fahren, obwohl dort laut GPS kein Radweg hinführt. Und wirklich, die grob gepflasterte Wege durch die letzte Siedlung enden 12 Kilometer vor Hitzacker. Wir laufen an der stark befahrenen Straße entlang, deren Gefälle bald stark zunimmt. Selbst der schmale Grünstreifen endet plötzlich und vor uns liegen enge Kurven an steilen Hängen. Also schlagen wir uns mit Rucksack und Brett bepackt durch den Wald dieses Minigebirges. Wahrscheinlich sind diese Berge für viele von euch gerade so Hügel, aber man ist ja als Berliner LDPusher nüscht jewöhnt. Als 6 Kilometer vor Hitzacker endlich wieder eine skatebare Nebenstraße erscheint, werden wir vor Erleichterung wohl etwas leichtsinnig. Nick stürzt sich quer durch Tießau den Berg hinunter und malt an dessen Ende eine meterlange Bremsspur auf den Dorfplatz. Dass „nur“ sein Arm etwas abbekommen hat, ist großes Glück im Unglück. Verletzt und geschafft von der Kletterpartie rufen wir ein Taxi für die letzten Kilometer nach Dannenberg. Das kratzt zwar gehörig am Stolz, doch ist es das einzig Vernünftige. Gerade noch rechtzeitig treffen wir am Campingplatz Dannenberg ein, auf dem wir die insgesamt günstigste Nacht verbringen können. Als die Zelte stehen und die Nudelbrühe gekocht ist, beginnt es zu gewittern.


Montag, 17. August
Dannenberg - Gartow 47km
Als ich gegen 6 Uhr wach werde regnet es noch immer, oder vielleicht auch schon wieder. Erneut packen wir die klitschnassen Zelte zusammen und machen uns auf den Weg nach Dömitz, immer dem Radweg neben der 191 folgend. Kurz vor Dömitz erwartet uns die dritte Umleitung des Elberadwegs auf unserer bisherigen Strecke, die uns auf viel Pflaster quer durch die wunderschöne Altstadt bis nach Klein Schmölen leitet. Dort liegt eine kurze Strecke auf der 195 vor uns, die wir aufgrund des Rollsplits und einer sehr engagiert patrouillierenden Streife vorsichtshalber laufen. Das macht aber nichts, denn der Deich nähert sich und von dort soll es laut GPS auf dem Radweg weiter gehen. Das tut es auch ...für wenige Kilometer. Und jetzt kommt der Teil, vor dem wir warnen möchten, sollte einer von euch die gleiche Strecke planen: Zwischen Gaarz und Lenzen besteht der Elberadweg aus einer brettunfreundlichen, etwa 15 Kilometer langen Kiesstrecke. Optimistisch tragen wir die Bretter auf den ersten paar hundert Metern über den Kies. Als uns ein entgegenkommender Radfahrer darüber aufklärt, dass die Strecke fast ausnahmslos so bis zur Fähre in Lenzen weitergeht, rollen wir los. Auf Kies zu pushen ist wie im Sand zu joggen. Es fühlt sich an, als würden wir die Strecke dreimal fahren. Ich spüre einen sich ankündigenden Krampf im Standbein und entdecke meine Liebe zum in den Mongo switchen wieder. Dehnen, mit der rechten Hand trinken und mit der linken die Karte checken - die wenigen Pausen werden effizient genutzt, da wir den Horrorweg so schnell wie möglich hinter uns bringen wollten. Da Wittenberge heute nicht mehr zu schaffen ist und wir dringend die Zelte trocknen müssen, ordert Nick kurzerhand eine Unterkunft in Gartow. Damit haben wir ein Ziel am Ende vieler, vieler Kieselsteine. Ein begeisterter Fahrradfahrer bittet uns um ein Foto. „Mensch, das ist ja cool! Mein Kumpel ist Downhiller, dem würd ich das gern schicken.“ Zwischendurch wechselt der Kiesweg noch zu sehr rauen, durchlöcherten Betonplatten, deren Löcher ziemlich genau so breit wie eine Rolle und jeweils im Abstand einer 180er Achse sind. Ein Fest für Brett und Nerven. Nach der Fähre geht es noch über 7 Kilometer kaum befahrene Landstraße zur Unterkunft in Gartow, an der wir erschöpft aber glücklich 20 Minuten vor Deadline ankommen.


Dienstag, 18. August
Gartow - Rühstädt 50km
Die ersten Kilometer von Gartow nach Schnackenburg kommen wir gut voran, dann beginnt der Regen, der bis in die Nacht hinein anhalten wird. Der Belag reicht von tollem Asphalt bis zu Betonplatten mit schlimmen Fugen und kurz vor Wittenberge rollen wir noch über ein kurzes Stück abgerundetes Kopfsteinpflaster. Dinge von denen abhängt, wie gut du am Tag voran kommst: 1. von der Strecke, 2. vom Wetter, 3. von deinem Equipment und auch 4. von deinem Partner. Wenn du dich gerade über den tollen Asphalt freust kann es sein, dass dein Mitstreiter (zum Beispiel aufgrund eines nicht enden wollenden Regens) im totalen Motivationstief steckt. Andererseits ist es zu zweit sehr viel weniger einsam, sicherer, was schnelle Hilfe angeht und man kann sich gegenseitig genau aus diesen Motivationstiefs holen. Um nach Wittenberge zu kommen, müssen wir über eine lange Bahnbrücke, mit einem schmalen Radweg aus nass-rutschigen Holzplanken. Zwischen Brücke und Geländer ist ziemlich genau so viel Platz, um ein GT40 darunter hindurch und in die Fluten der Elbe zu schießen. Wir beschließen zu tragen. Auf der anderen Elbseite finden wir den vermissten sauber asphaltierten Radweg auf dem Deich wieder. Als der Regen immer stärker wir und ein Radfahrer und von „vielen Schlammwegen Richtung Havelberg“ berichtet, beschließen wir uns erneut ein günstiges Zimmer in einer Herberge in Rühstädt zu nehmen. Die Schlammwege bleiben jedoch aus.


Mittwoch, 19. August
Rühstädt - Wischer 57km
Pünktlich um 8 Uhr gibt es Frühstück. Draußen regnet es, was auch sonst. Von unserem Gastgeber bekommen wir den Tipp, immer auf der linken Deichseite weiter zu fahren, da uns so ein langes Waldstück erspart bleiben würde. Gesagt, getan. Über Gnevsdorf geht es immer auf dem Deich entlang Richtung Havelberg. Die Strecke ist traumhaft schön: Der Asphalt ist erstklassig, der Weg schön breit und die Aussicht auf das, was uns weiter aufwärts als Havel begegnen wird, wunderschön. Es nieselt leicht, aber nach dem Wetter der letzten Tage, ist das beinahe eine angenehme Erfrischung und ich kann endlich wieder die Kamera rausholen. Kurz vor Havelberg führt dann leider doch kein Weg an der Landstraße vorbei. Kurz vor dem Havelberger Zentrum halten wir an der Havel-Elb-Kaserne, wo Nick seinen Arm ärztlich versorgen lässt. Er besteht darauf, dass ich mit rein komme und so bekomme ich einen Besucherausweis und warte mit den Brettern und Rucksäcken im Vorraum zum Treppenhaus. Uniformierte junge Männer mit polierten Stiefeln beobachten mich misstrauisch im Vorbeigehen. Das ist eine ganz andere Welt, die ich bis jetzt noch nicht kannte. Ich bin sehr erleichtert, als Nick endlich zurück kommt und wir weiterrollen. Ab Havelberg setzen wir unseren Weg auf der linken Elbseite (elbaufwärts) fort, auf der uns der neu gebaute Radweg neben der Straße erwartet. Dieser Weg ist schlichtweg großartig. Bis Klietz können wir eine Fläming-ähnliche Asphaltstrecke genießen. Richtung Fähre bei Neuermark-Lübars nimmt die Qualität zwar kurzzeitig ab, aber trotzdem lässt sie sich rollen. Mit der Fähre gelangen wir nach Arneburg. Vorsicht: die Fähren haben unterschiedliche Öffnungszeiten, diese hier fährt z.B. nur bis 18.30 Uhr. Von Arneburg war es nur noch ein Katzensprung bis zum Campingplatz Wischer, der genau genommen zwischen Wischer und Hassel liegt. Unsere Zeltnachbarn reisen für sieben Wochen mit Rädern und Anhänger quer durchs Land und kamen heute aus Magdeburg. Sie beschreiben uns die Strecke bis dorthin (auf der rechten Elbseite elbaufwärts, auf der wir jetzt sind) als sehr gut und nahezu durchweg asphaltiert. Das klingt doch vielversprechend.


Donnerstag, 20. August
Wischer - Magdeburg 85km
Dank eines schreienden Babys in einem der benachbarten Zelte kommen wir heute sehr früh los. Wir fahren bis Storkau auf der Straße, von wo aus wir zurück auf den Elberadweg gelangen. In Tangermünde frühstücken wir vor einer Bäckerei. Der Weg bis hierher war gut, die Sonne scheint, wir sind hoch motiviert! Der Weg wird sogar noch besser, bis wir zwischen Schelldorf und Grieben eine sehr raue Straße vorfinden. Vor ein paar Tagen hätten wir uns darüber jedoch gefreut. Zwischen Kehnert und Bertingen wäre unsere Campingmöglichkeit für heute gewesen, doch an Rast ist bei diesem schönen Wetter und dem Wegbelag nicht zu denken. Gegen 16 Uhr erreichen wir unseren letzten Fährübergang in Rogätz. Wir können es kaum fassen: wir werden heute noch in Magdeburg ankommen. Die Strecke wechselt sich zwischen guten Platten und Sahneasphalt ab und auch landschaftlich gibt es wieder viel zu sehen (Schleusen, langer Weg am Mittellandkanal, Trogbrücke). In Herrenkrug treffen wir schließlich den ersten Longboarder auf der gesamten Strecke seit dem Hamburger Hauptbahnhof. Ich glaube ich habe ihn mit dieser Botschaft und meinem schwitzenden und mit Schlamm bepackten Anblick leicht verschreckt. Sorry. :) Wir überqueren ein letztes Mal die Elbe, bestaunen einen Augenblick lang den Magdeburger Dom und finden gegen 20 Uhr den Magdeburger Hauptbahnhof. Ohne Plan und Ticket erkundigen wir uns im Reisezetrum nach Tickets. Die Dame am Schalter überreicht mir mein Ticket nach Berlin mit den Worten „Ihr Zug geht in fünf Minuten von Gleis 8, ganz hinten.“ Nick hat mit seinem Ticket nach Hamburg ähnliches Glück, daher fällt die Verabschiedung (wie immer bei uns) mehr als knapp aus. Gut, dass wir schneller als die Fußgänger zum anderen Ende des Bahnhofs kommen.



Das wars auch schon. Letztlich kann ich nur jedem raten, der mit dem Gedanken spielt etwas Ähnliches zu unternehmen: Macht es. Ihr werdet schwitzen, bluten und fluchen, aber hinterher werdet ihr glücklicher sein.


Zu guter Letzt noch ein großes Dankeschön an Nick, der den ganzen Quatsch mitgemacht hat, an Chris, der mir den Elberadweg empfohlen hat und selbst die Strecken um Bad Schandau bis Decin gerollt ist, an Sean, für überlebenswichtige last-minute-Tipps (die besten Lager und Sohlen!!) und Martin, der Nick zu seinem GBomb verholfen und mein Board hilfsbereit geflickt hat.